KATJA EBSTEIN - KAUFLEUTEN 2005

Katja Ebstein im Kaufleuten, Zürich – Mittwoch 2. März 2005

Katja Ebstein, die deutsche Schlagerikone der Siebziger- und Achtzigerjahre, machte in Zürich Station. Vor allem ihre Eurovisionshits "Wunder gibt es immer wieder" und "Theater", aber auch seichte Titel wie „Der Stern von Mykonos“ oder „Der Indiojunge aus Peru“ geniessen mancherorts Kultstatus. Wer die Präsentation dieser bekannten Bruchstücke des deutschen Musikschaffens erwartete, kam nicht auf die Rechnung. Auch die nahe liegende Vorstellung einzelner Stücke ihres in wenigen Tagen erscheinenden neuen Albums fand nicht statt.
Künstler, die sich das erlauben können, müssen entweder über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügen oder ein ausserordentliches Alternativprogramm auf Lager haben. Beides traf im vorliegenden Fall zu.

"Berlin ... trotz und alledem" hiess der Titel des Chanson-Abends. Lediglich von einem Pianisten begleitet, ohne Mikrofon, in einfachstem Outfit stand sie da. Und ihr gelang, auch ohne technische Hilfsmittel, mit ihrer Aura mühelos den Saal zu benetzen.

Konsequent wurde die angekündigte Thematik umgesetzt. In chronologischer Folge präsentierte Katja Ebstein die wechselvolle Geschichte der Stadt Berlin des 20. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt der ersten Konzerthälfte lag im Bereich "Drittes Reich / Weltkrieg"; im zweiten Teil wurde die Epoche "geteilte Stadt" / Mauerfall" bearbeitet. Zu den jeweiligen Zeitperioden passende Chansons sowie Wortbeiträge im Kabarettstil dienten als Stilmittel der Präsentation.

Katja Ebstein gelang es mühelos, das Publikum mit ihren Darbietungen einzunehmen. Werke grosser Namen der deutschen Literaturgeschichte, wie Brecht, Tucholsky, Kästner oder Heine wurden charismatisch interpretiert. Musikalisch spannte sich der Bogen von Werken aus den Dreissigerjahren, über eine eigenwillige Interpretation von „Lili Marleen“ bis zu zeitgenössischen Beiträgen aus der Feder von Wolf Biermann und Konstantin Wecker. Ein Höhepunkt stellte die in der deutschen Version der Stadt Berlin gewidmete Hymne "My Way" dar.

Die enorme stimmliche Kraft der Performerin, aber auch deren schauspielerischen Fähigkeiten kamen im anspruchsvollen Programm überzeugend zur Geltung. Sie schlüpfte in ihren Gedicht-Rezitationen in die Rolle einer langbeinigen Berliner Gören, tratschender Hausfrauen im Flur oder des sehnsüchtig heimkehrenden Frontsoldaten. In den verbalen Überleitungen schuf Katja Ebstein regelmässig den kritischen Bezug zur Gegenwart. Zentrale Botschaften stellten die Warnung vor rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland sowie ein genereller Friedensappell dar.

Mit dem einzigen Beitrag ohne direkten Berlin-Bezug, der stets berührenden Ballade "Sag mir, wo die Blumen sind", beendete Katja Ebstein, nach 2 ½-Stunden ihren Auftritt. Das den Kaufleutensaal nur rund zur Hälfte füllende Publikum war sichtlich eingenommen von der überaus authentisch wirkenden Künstlerin. Neben einem stimmigen Chansonabend erlebten die Anwesenden einen fundierten historischen Abriss des bedeutendsten Teils der Geschichte des 20. Jahrhunderts und eine literarisch-poetische Querbeet-Präsentation aufmüpfig-aufrichtigen Widerstandes im germanistischen Schaffen der vergangenen 80 Jahre.

Katja Ebstein hat ihre Vielschichtigkeit sowie ihren Ruf, eine der ganz grossen Persönlichkeiten der deutschen Unterhaltungsszene darzustellen, bravourös bestätigt.
goodold70 / staetz

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