MICHEL SARDOU IM PATINOIRE DU LITTORAL DE NEUCHÂTEL

Michel Sardou im Patinoire du Littoral de Neuchâtel - 4. Dezember 2004

In der französischen Single-Hitparade auf dem ersten Platz zu stehen und bei einem Konzert darauf zu verzichten, denselben Nummer 1-Hit zu performen - diese Frechheit kann sich unbestraft wohl nur jemand erlauben, der trotz dieses Mankos eine vorbehaltlos überzeugende, vital-erfrischende Live-Show abliefert. Michel Sardou - nach weit über 30 Jahren Berufserfahrung gewissermassen der Gottvater der französischen Pop-Musik - tat es. Er präsentierte in der komplett ausverkauften "Patinoire du Littoral" in Neuchâtel den vorwiegend aus dem französischen Sprachraum angereisten Fans ein beeindruckendes Bühnen-Spektakel, das sein individuelles Qualitätssiegel trug. "La rivière de notre enfance", jenes erfolgreiche Duett mit Garou, das bis dato auch in der Schweiz Platz 21 der Single-Hitparade erreichte, war von Sardou an diesem Abend jedoch nicht zu vernehmen.
Der 57jährige ist bekannt für den opulenten Gigantismus und für die üppige Ausstattung seiner Auftritte. Als er mit zehnminütiger Verspätung um 20:40h in Neuchâtel die Bühne betrat, standen ihm überraschenderweise jedoch einzig vier Musiker zur Seite. Sardou griff in der Auswahl seines Repertoires wieder einmal auf seine frühesten Werke von Anfang der 70er Jahre zurück, die die Zuschauer sogleich mitzureissen vermochten. Auf das flotte "Les bals populaires" folgte "Les Ricaines", das Sardous Individualität unterstrich: in einer Zeit des kollektiven Antiamerikanismus' in Europa holt Sardou dieses ruhige Chanson aus der Schublade, das - ohne irgendjemanden zu idealisieren - den für die Geschichte Europas nicht unwesentlichen Beitrag Amerikas aufgreift. Allabentlich mit seinen Fans den Klassiker "En chantant" zu singen - dieses Leckerli liess sich Sardou auch am Samstag Abend in Neuchâtel nicht entgehen. "Le rire du Sergent" gehörte daraufhin mit Sicherheit zu einem Highlight des ersten Konzertteils. Mit sattem Beat, Entertainer-Charisma und einer Melodie, die stromlinienförmiger nicht sein könnte, lockte er auch den letzten müde-in-sich-lullenden Konzertbesucher aus dem Schlaf. Wirklich klasse! "Les temps des colonies" und "Le Java de Broadway" bildeten nach 25 Minuten bereits den Abschluss der ersten Hälfte und Sardou entliess das überraschte, teilweise darob gar empörte Publikum in die Pause.

Der frühe Unterbruch hatte aber seine Berechtigung: Sardou unterteilte sein Konzert in zwei Abschnitte. Den ersten, traditionellen Teil nutzte er wohl, um das Publikum abzuholen, um es einzuladen auf eine Reise in die Gegenwart. Der zeitlose Entertainer - vom kollektiven Gedächtnis abonniert und reduziert auf "La maladie d'amour", "En chantant" und "Comme d'habitude" - hakt die allerseits bekannten Songs bereits nach 20 Minuten ab; auch um den in Sachen "Michel Sardou" noch unbewanderten Besuchern zu beweisen, dass ein Sardou sich nicht auf einzelne Stilrichtungen, Zeitepochen oder andere Stereotypen reduzieren lässt. "Sardou 2004" konnte in der zweiten Hälfte beginnen. Der Entertainer stieg mit dem motivierten Titelsong seines neuesten Albums "Du plaisir" ein. Mit Vergnügen liess sich der Star inszenieren. Hochmoderne Scheinwerfer- und Laser-Effekte, die kräftigen Drums und das opulente Bühnenbild machten deutlich, dass die traditionelle, erfrischend-nostalgische Etappe des Abends zu Ende war. Dem Publikum und auch Sardou selbst gefallen die neuen Songs. "Non merci", das meditativ-ruhige "La vie, la mort, etc." oder das spanisch angehauchte "Les hommes du vents" wechselten sich mit Klassikern wie "Chanteur de jazz" oder "Une fille aux yeux clairs" . Im Vergleich zu früheren Konzerten klang der Sardou-Sound härter und gitarrenlastiger. Der Einfluss der neuen Produzenten Jacques Vénéruso und Thierry Blanchard war erfrischenderweise hörbar. Himmlisch-unvergesslich bleibt die Ouverture der Bombast-Ballade "Je vais t'aimer", während der acht musikalisch wie visuell fesselnde Streicherinnen von oben ins Bühnenbild getragen wurden. Die Inszenierung war perfekt!

Für Sardou-Kenner ist es spannend, zu erkennen, dass auf den Studioalben eher unauffällige Lieder wie "Je ne suis pas mort, je dors", "Musulmanes" oder "J'accuse" live stärker, mitreissender und berührender zur Geltung kommen. Zwei speziell erwähnenswerte Highlights folgten in der zweiten Hälfte gleich aufeinander: Die 1975er Single "Un accident", im Studio eine relativ unauffällige Nummer, verwandelte Sardou mit einem topmodernen Arrangement und einer innovativ-effektiven Inszenierung zu einem berührenden, musikalischen Erlebnis. Praktisch ohne Unterbruch folgte "L'aigle noir", mit dem Sardou musikalisches Neuland betrat. Noch nie ist seine Interpretation dieses Chansons auf CD gepresst worden. Das Lied enstammt der in den 60er Jahren in Frankreich erfolgreichen Chansonnière Barbara und wurde in den letzten Jahren live auch von Patricia Kaas und Florent Pagny performt. Kompetente Kenner der französischen Musikszene propagieren Sardous Interpretation aber als die mit Abstand beeindruckendste. Dieser Mann versteht sein Handwerk! Zum Finale erhoben sich sämtliche Konzertbesucher von ihren Sitzen. Im letzten Teil präsentierte Sardou nämlich "Loin", einen der stärksten neuen Songs - live garniert mit einem kecken, herrlich orchestralen Instrumentalteil -, die zeitlos-epische Hymne "Les lacs du Connemara" und zum Schluss den zum Klassiker reifenden Konzert-Hit "Salut". Nach dem neuen Song "Dis-moi" und dessen Abschluss-Phrase "je partirais" verliess Sardou zielstrebig die Bühne - jedoch selbstverständlich nicht ohne sich vorher von seinen Fans herzlich zu verabschieden. Ohne jeden Zweifel gehört jener Mann, der den "Patinoire du Littoral" am Samstag Abend bis auf den letzten Platz füllte, zu den letzten grossen Entertainern Europas. Einer der letzten der vom Aussterben bedrohten Dinosaurier der europäischen Musikunterhaltung. Wie es sich für die Absolutheit französischer Musik-Inszenierungen gehört, verzichtete Sardou auf eine Zugabe. Nach "Merci d'être venu - merci, jusqu'à la prochaine fois..." und "je partirais" war auch wirklich alles gesagt. Chapeau, Michel! - Was für eine grosse Show!
staetz

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